Handgemachte Visualisierung als
Werkzeug im digitalen Zeitalter

Gerade in einer VUCA-Welt (VUCA ist ein vom US Army War College in den 1980er Jahren eingeführtes Akronym um eine „Volatile, Uncertain, Complex and Ambiguous World“ zu beschreiben) werden Werkzeuge, die uns helfen mit der schnelllebigen Zeit umzugehen, immer relevanter. Heute möchte ich euch eines davon vorstellen.

 

KREATIVES TALENT? BLÖDSINN!

Es gibt mehr als das Spektrum an digitalen Technologien. Mehr als Apps, Roboter, künstliche Intelligenz, das Internet der Dinge und Blockchain. Es gibt eine alte Kulturtechnik, ein mächtiges Denk-, Kommunikations- und Problemlösungswerkzeug, das auch du, ohne jegliches Vorwissen und ohne einen Cent zu investieren, nutzen kannst.

Daher geht es im Beitrag zu Beginn des neuen Studienjahres um nichts anders als um „Papier und Stift“, die Kulturtechnik des Visualisierens sowie dein Potenzial als visueller Denker, Lerner und Problemlöser.

AUCH DU HAST ALS KIND GEZEICHNET, NICHT WAHR?

Erst aus Neugier und der reinen Lust am Ausprobieren, Lernen und Gestalten. Später dann, um Ereignisse zu verarbeiten, die für dich von Bedeutung waren. Um Gedanken und Gefühlen Ausdruck zu verleihen, für die du noch keine Worte kanntest.

„IN VIELEN KOMMUNIKATIONSSITUATIONEN GEHEN WIR DAVON AUS, DASS DAS GEGENÜBER DASSELBE VERSTÄNDNIS EINER DISKUTIERTEN SACHE HAT WIE WIR SELBST. DAS IST FALSCH!“

Und dann ist die Schule passiert. Wir lernten, dass Lesen, Schreiben, Rechnen und eloquenter verbaler Ausdruck die Kulturtechniken sind, die über unseren Erfolg im späteren Leben entscheiden werden. Der eigene Körper als mächtiges Kommunikations- und Kreativitätsinstrument sowie die Kulturtechnik des Einsatzes von Bild(sprache) standen nicht am Lehrplan. Meiner Ansicht nach ein schwerwiegender Fehler!

Mehr denn je sind heute Assistenten und Agenten für lustvollere und kreativere Formen der Zusammenarbeit gefragt. DienstleisterInnen wie mir wird viel Geld dafür bezahlt, um im Businesskontext die Entwicklung von Visionen, Ideen, Businessplänen und Strategien zu unterstützen.

Doch mit hoher Wahrscheinlichkeit bist du noch Schüler oder Student und beschäftigst dich mit anderen Themen als damit, wie Stift und Papier bei einem positiven Wandel in Gesellschaft und Unternehmen helfen können. Deswegen möchte ich nun über Einsatzgebiete von Visualisierungen sprechen, die dir in deinem Alltag weiterhelfen können:

VERSTÄNDNIS UNTERSTÜTZEN

In vielen Kommunikationssituationen gehen wir davon aus, dass das Gegenüber dasselbe Verständnis einer diskutierten Sache hat wie wir selbst. Das ist falsch! Missverständnisse sind die Normalität! Einfache visuelle Repräsentationen deiner Ideen ermöglichen Anderen unmittelbarer an deinen Gedanken teilzuhaben. Diese Kommunikationsbrücken funktionieren sogar über kulturelle und sprachliche Barrieren hinweg.

ZUSAMMENFASSEN

Oft bist du in Schule oder Uni damit konfrontiert, Lernstoff zusammenzufassen. Dicke Bücher. Viel Text. Hast du schon mal versucht, den Inhalt eines solchen Wälzers auf nur einer A4 Seite zusammenzufassen? Probiere doch mal aus, eine Infografik oder Mindmap der tatsächlich (für dich) wichtigsten Inhalte zu machen. Der Prozess ist ganz ähnlich, wie wenn du einen Schummelzettel schreibst. Nur, dass du diesmal auch unterschiedliche Schriftarten, Farben und einfachste visuelle Elemente nutzt, um Inhalte zu strukturieren. Du wirst sehen: Es entsteht ein Bild, das dir mehr sagt als 1000 Worte.

DOKUMENTIEREN

Eine weitere Anwendung des Visualisierens ist es, sich Notizen in einer Kombination aus Wort und Bild zu machen. Du kannst mit Größe und Art der Schrift sowie Farbauswahl, Pfeilen, Containern und einfachsten Symbolen spielen, um aus Informationen Wissen zu machen. Erstelle in Echtzeit strukturierte Zusammenfassungen, die noch lange Zeit wirksame Lern- und Kommunikationsunterlagen sind.

PRÄSENTIEREN

Hast du auch schon mal „Death by Powerpoint“ erlebt? Vortragende mit überladenen Präsentationsfolien, die sie wohl eher als ihren eigenen Spickzettel als ein Werkzeug verstehen, das ihrem Publikum Zuhören und Verstehen erleichtern soll. Hast du im Gegensatz dazu schon mal jemanden erlebt, der mit Stift und Flipchart präsentiert? Hast du vielleicht selbst ausprobiert, deine allerwichtigsten Gedanken in Echtzeit vor einer Gruppe zu visualisieren? Solltest du dich über diesen Schritt drübertrauen, ist dir die ungeteilte Aufmerksamkeit deiner Zuhörerschaft sicher!

PLANEN

Das, was in einseitig ausgerichteten Kommunikationsprozessen funktioniert, erzeugt noch größeren Mehrwert in Formaten, wo Menschen miteinander nachdenken, reden, Probleme lösen und Zukunft gestalten. Nutze doch Stift und Papier, wenn du die nächste Party oder den nächsten Urlaub planst. Deine Ideen sichtbar zu machen und miteinander in Beziehung zu setzen, wird dir gänzlich neue Sichtweisen und Ideen eröffnen.

ENTSPANNEN

Falls du in den letzten Jahren in einem Buchgeschäft warst (Old School, ich weiß), ist dir wahrscheinlich aufgefallen, welche Flut an Malbüchern es für Erwachsene gibt. Mandalas, Hand-Lettering, Bullet-Journaling, Sketchnoting und viele andere Formen des Einsatzes von Stift und Papier sind groß im Kommen. Das hat seinen guten Grund. Alleine die kinästhetische Bewegung der Hand mit einem Werkzeug, das Spuren hinterlässt, steigert die Konzentration des Gehirns. In Experimenten wurde nachgewiesen, dass das Kritzeln von Sternchen, Kugeln und Co während Telefonaten das Erinnerungsvermögen um mehr als 30% erhöht. Gleichzeitig ist Zeichnen und Malen erwiesenermaßen entspannend und für viele ein willkommener Ausgleich zu all den digitalen Werkzeugen, die wir täglich nutzen.

„ALLEINE DIE KINÄSTHETISCHE BEWEGUNG DER HAND MIT EINEM WERKZEUG, DAS SPUREN HINTERLÄSST, STEIGERT DIE KONZENTRATION DES GEHIRNS.“

Abschließend, kann ich dir nur nochmals ans Herz legen, deine eigenen Fähigkeiten als VisualisiererIn zu erkunden. Inspiration für Elemente, die du dabei nutzen kannst, findest du am mitgelieferten Bild. Ich wünsche dir viel Neugier und Mut für das bevorstehende Jahr und freue mich darüber, wenn du mir von deinen Erfahrungen beim Ausprobieren der vorgestellten visuellen Techniken und Werkzeuge berichtest.

Markus Engelberger

Markus Engelberger

Artikel zuerst erschienen in Volume Magazin Nr. 71 vom 30.9.2018

share it!

Share on facebook
Share on google
Share on twitter
Share on linkedin