Unanimous A.I.

Sind wir gemeinsam blöder oder intelligenter als allein? Das Konzept der Demokratie geht von Zweiterem aus. Immer wieder werden wir jedoch eines Besseren belehrt. Stichwort Brexit, Trump oder das letzte Meeting in deiner Arbeit … es gibt unzählige Beispiele dafür, dass wir gemeinsam ganz schön blöd sein können.

Das muss jedoch nicht so sein. Denn Unanimous A.I. ermöglicht es Gruppen von Menschen, ihre gesammelte „Brainpower“ (Erfahrungswerte, Wissen, Meinungen, Intuitionen,etc.) zu nutzen, um herausfordernde Fragen beantworten, verblüffend exakte Prognosen abgeben und gute Entscheidungen unter hochgradig unsicheren Rahmenbedingungen treffen zu können. Der Gründer, Louis B. Rosenberg, wird derzeit mit Preisen für seine Erfindung überhäuft. Es wird sogar gemunkelt, dass die Technologie das Potenzial hat, das Konzept von Demokratie zu revolutionieren. Jetzt schon Fakt ist, dass sie bereits dazu genutzt wurde, um die Gewinner der Academy Awards (Oscars), des Kentucky Derbys und des Super Bowls vorauszusagen. Dabei war die Prognose exakter als alle Expertenmeinungen.

„Unanimous A.I. zielt darauf ab, menschliche Intelligenz zu verstärken und besser zu nutzen, anstatt sie durch künstliche Intelligenz zu ersetzen.“

Der bemerkenswerteste und meiner Ansicht nach sehr sympathische Punkt ist, dass Unanimous A.I. darauf abzielt, vorhandene menschliche Intelligenz zu verstärken und besser zu nutzen, anstatt sie durch künstliche Intelligenz zu ersetzen. Die Schwarmintelligenz nutzbar machende Technologie wurde am Vorbild der Natur entwickelt. Rosenberg selbst nutzt das Beispiel eines Honigbienenschwarms, um seine Erfindung zu erklären. Die Bienen stehen regelmäßig vor der hochkomplexen Aufgabe, eine neue Behausung für das Volk zu finden. Dabei müssen viele unterschiedliche Faktoren wie Größe, Schutz oder Nähe zu Nahrungsquellen abgewogen werden. Zur Entscheidungsfindung fliegen zig Kundschafter aus. Haben sie genügend Informationen gesammelt, kehren sie zurück, um vor allem eines zu tun: tanzen. Durch den Tanz teilen sie ihre Erfahrungen mit den anderen. Wenn die Informationen einer kritischen Masse an Kundschaftern ein gemeinsames Bild ergeben, bricht der Bienenschwarm zu neuen Ufern auf. Wenn man Pech hat, ist der eigene Geräteschuppen ihr Ziel.

Ähnlich dem Bienenschwarm können sich Menschen nun online treffen, um einander Meinungen und Erfahrungen „vorzutanzen“. Ein auf A.I. und dem Wissen über Schwarmverhalten basierender Algorithmus unterstützt dabei die Prognosen- und Entscheidungsfindung. Der bisher aufsehenerregendste Erfolg war die Vorhersage der „Superfecta“ des Kentucky Derbys. Bei der „schwierigsten“ aller Pferdewetten tippt man auf die vier Gewinner in der richtigen Reihenfolge. 2016 gelang dieses Kunststück. 50 Enthusiasten wurden zur gemeinsamen Prognose des Rennergebnisses eingeladen. Jeder einzelne brachte Interesse und Erfahrung mit, doch erst die Nutzung der kollektiven Intelligenz ermöglichte den goldrichtigen Tipp. Die Probanden, die die Ergebnisse der Hive Mind nutzten, um Wetten abzuschließen, konnten Gewinne zwischen € 542 und € 54.200 verbuchen.

„Es liegt nur an uns, ob wir gemeinsam intelligent sein wollen, oder blöd.“

Pferderennen und Co vorauszusagen ist jedoch erst der Beginn. Man verspricht sich große Fortschritte bei bisher als sehr herausfordernd geltenden medizinischer Prognosen. 15 ausgewiesene Experten genügen nämlich, um die gleiche Genauigkeit zu erzielen, wie 50 Laien. Es liegt nun an uns, ob wir gemeinsam intelligent sein wollen, oder blöd. Wir sitzen auf einem Steinbrocken fest, der mit wahnwitziger Geschwindigkeit durch das Universum saust. Wie ein Schwarm Honigbienen stehen wir als globale Gemeinschaft vor komplexen Entscheidungen, die Gedeih oder Verderb zur Folge haben werden. Die Experten aus unterschiedlichsten Sektoren und Lagern stehen bereit. Die Kommunikationsstruktur ist vorhanden, die einflussreiche Gruppendynamik ausgeschalten. Der Allgemeinheit dienlichen Entscheidungen steht nun von technischer Seite her nichts mehr im Weg.

Markus Engelberger

Markus Engelberger

Artikel zuerst erschienen in Volume Magazin Nr. 75, 19.06.2019

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