Digital Literacy

Egal ob Wirtschaft, Politik oder Uni: Das digitale Zeitalter und der Umgang damit, ist eines DER Themen unserer heutigen Gesellschaft. Digitalisierung hat mittlerweile in all unsere Lebensbereiche Einzug genommen. „Digital Literacy“ – also die Kompetenz, die uns verfügbaren Technologien auch sinnvoll einzusetzen – ist jedoch keine Frage des Alters, sondern der Einstellung.

Doch was ist „Digitalisierung“ eigentlich? Aus technischer Sicht versteht man darunter die Umwandlung von analogen Informationen in digitale Einheiten. Die digitale Einheit ist ein Bit, das durch die binärcodierten Werte 0 und 1 dargestellt wird. Als Digital Native hast du das natürlich gewusst.

Wenn in Politik und Wirtschaft über Digitalisierung gesprochen wird, geht es jedoch meist um die digitale Revolution, von der unser aller Leben längst erfasst und unabänderlich beeinflusst worden ist.

„Revolution?“, wirst du dich vielleicht fragen. „Was ist denn bitteschön anders, als es immer schon war?!“ Nun ja, das Leben, wie es für Personen deines oder sogar meines (leicht fortgeschrittenen) Alters so selbstverständlich erscheint, war nicht immer so.

VOR LANGER ZEIT, IN EINER WEIT ENTFERNTEN GALAXIE …

… gab es eine Zeit bevor man im Kaffeehaus zum kleinen Braunen einen WiFi-Code mitbestellte. Eine Zeit vor Smartphones, Instagram, Amazon und Netflix. 1999, in dem Jahr, in dem ich gerade zum Teenager wurde und die ganze Welt wegen der bevorstehenden Jahrtausendwende nervös wurde, war man noch vier Jahre von Facebooks Geburtsstunde entfernt. Google war ein unbekanntes Start-up in irgendeiner der tausenden Garagen, die es wohl im Silicon Valley geben muss. In Österreich zahlte man noch mit dem Schilling. Für Reisen in andere europäische Staaten brauchte man einen Reisepass.

Wer 1999 geboren wurde, ist heute übrigens 20 Jahre alt. Die heute 20-Jährigen sind die erste Generation, die kein Leben ohne Internet kennt. Dass in so manchem staatsnahen Betrieb erst vor wenigen Jahren die hausinterne Rohrpost gegen dieses moderne … wie hieß es noch gleich … ah, ja: „E-Mail“ (das ist kein Spaß, sondern bitterer Ernst) ersetzt wurde, lässt jeden Millenial das mehr oder minder krause Haar raufen. Apropos kraus. Karl Kraus hätte der Zustand in so manchem heimischen Betrieb wohl nicht gewundert. Von ihm soll ja folgendes legendäres Zitat stammen: „Wenn die Welt untergeht, ziehe ich nach Wien. Da passiert immer alles zehn Jahre später.“

Wie gefährlich es jedoch sein kann, das Potenzial digitaler Technologien und das Verlangen der Bevölkerung danach, zu ignorieren, zeigen viele Beispiele.

„ALS MILLENIAL VERFÜGST DU ÜBER INFORMATIONEN UND INTUITION, DIE FÜR VIELE ORGANISATIONEN DA DRAUSEN PURES GOLD WERT SIND.“

Eines der bekanntesten ist das der Firma Kodak, die im Jahr 2012 Insolvenz beantragte, weil sie den Wandel zur digitalen Fotografie verschlafen hatte. Noch vor fünf Jahren wurde ich selbst von einem Hersteller von Luxusuhren (eine sehr konservative Industrie) belächelt, als ich ihn fragte, wie seine Organisation denn eigentlich die Möglichkeiten des digitalen Zeitalters für sich nutzen wolle. „Uhren werden immer Uhren bleiben“, hat er gemeint. 2015 kam dann die Apple Watch in den Handel. Diese hat das Belächeln rasch beendet. Digitalisierung ermöglicht in jedem Bereich völlig neue Geschäftsmodelle, durch die alte in ihrer Existenz bedroht werden.

Wozu ich dich ermutigen möchte, falls auch du um die 20 Jahre alt bist: Sieh dein Wissen und deinen Erfahrungsschatz in Zusammenhang mit digitalen Technologien nicht als selbstverständlich an! Du verfügst über Information und Intuition, die für viele Organisationen da draußen pures Gold wert ist.

Wahrscheinlich sind für dich 3D-Drucker und Drohnen die natürlichste Sache der Welt. Natürlich teilst du gewisse Gegenstände lieber mit anderen, als diese selbst zu besitzen. Und: Du würdest jedem Freund davon abraten Kraftfahrer, Pilot oder Versicherungskaufmann zu werden, da du weißt, oder zumindest ahnst, dass diese Berufe bald der Vergangenheit angehören werden. Dieses für dich selbstverständliche Bewusstsein ist ein großer Teil von Digital Literacy.

„ERLEICHTERT MIR DIESER BLECHTROTTEL MEIN LEBEN ODER NICHT? AUCH DAS IST DIGITAL LITERACY.“

Vergiss bitte niemals, dass an den Entscheidungshebeln sehr vieler Organisationen nach wie vor Personen sitzen, die nicht über dein Wissen und deine Erfahrungen verfügen. Diese Generation hat wiederum ganz andere Stärken. Erstens kennen die „alten Hasen“ alle Abkürzungen und Fallen am Weg zum Erfolg. Und zweitens können sie sich an eine Welt erinnern, die noch ohne die Technologien von heute funktionierte. Deswegen, und das muss man den „Alten“ lassen, machen sie eine Sache oft tatsächlich besser als wir „Jungen“: Sie prüfen technische Innovationen auf das wesentlichste Kriterium überhaupt: „Erleichtert mir dieser Blechtrottel mein Leben, oder nicht?“ Auch das ist Digital Literacy.

Diesen erfrischenden Blick der etwas reiferen Generation würde ich so manchem 20-Jährigen (und manchmal mir selbst) wünschen. Außerdem wünsche ich uns allen viele interessante und lehrreiche Begegnungen mit Menschen aus anderen Generationen und Kulturen. Wenn wir offen aufeinander zugehen, wird er uns gemeinsam locker gelingen, der digitale Wandel.

Markus Engelberger

Markus Engelberger

Artikel zuerst erschienen in Volume Magazin Nr. 74, 28.05.2019

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