Ist Gas die Lösung?

Alle sprechen von Klimaschutz. Kaum jemand, so scheint es zumindest, will dafür aber auf persönlichen Komfort oder wirtschaftlichen Vorteil verzichten. Aber wie kann Klimaschutz bei gleichbleibendem Konsumverhalten und wirtschaftlichem Wachstum funktionieren? Eine mögliche Antwort auf diese Frage klingt ungewöhnlich: Gas!

Nein, ich spreche nicht von dem Typen am Festival im Campingstuhl neben dir, den zünftige Flatulenzen plagen. Es geht um Gas, das dazu genutzt werden kann, erneuerbare Energie in großen Mengen speicherbar zumachen. Dass Energiegewinnung aus Wind-, Sonnen- und Wasserkraft nachhaltiger ist, als die durch Kohle und Erdgas, ist kein Geheimnis. Die bisher größte Herausforderung bei der Nutzung erneuerbarer Energiequellen war und ist jedoch die Speicherung der gewonnenen Energie. Vor allem an Sommertagen (an denen es Sonne und Wind im Überfluss gibt) wird viel Energie erzeugt. Diese wird dann aber oft erst an verregneten Novembertagen oder beim Einkehrschwung im Februar benötigt.

Für Österreich ist der Titel des Klima-Europameisters greifbarer, als es der des Fußball-Europameisters wohl je sein wird.

Und genau da kommt erneuerbares Gas ins Spiel. Dieses hat nichts mit Erdgas (dem fossilen Brennstoff) zu tun. Gerade davon will man sich ja unabhängig machen. Die österreichische Bundesregierung hat sich nämlich zum Ziel gesetzt, bis 2050 das gesamte Energiesystem zu „dekarbonisieren“. Damit legt man sich die Latte höher, als der europäische Durchschnitt und der Titel des Klima-Europameisters wird greifbarer, als es der des Fußball-Europameisters je sein wird.

Gerade heimische Innovationsführer beschreiten aktuell vielversprechende Wege rund um Gas als Schlüsseltechnologie der Energiewende. In Oberösterreich z. B. läuft derzeit ein weltweit einzigartiges Forschungsprojekt. Es beschäftigt sich mit „Underground Sun Conversion“ – also Erdgeschichte im Zeitraffer. Mittels Elektrolyseverfahren wird der durch Sonnen-, Wind- oder Wasserkraft generierte, erneuerbare Strom in Wasserstoff umgewandelt. CO2 wird beigemengt. In einer bereits existierenden, natürlichen, unterirdischen Erdgaslagerstätte wandeln Mikroorganismen die eingebrachten Stoffe schließlich in erneuerbares Gas und Wasser um. Es ist exakt derselbe chemische Vorgang, den der Saurierkadaver durchlaufen hat, bevor er zu Erdgas wurde. Mit dieser Anlage kann man jedoch den Prozess, der in seiner natürlichen Form Millionen von Jahre dauert, in nur etwa zwei Wochen nachahmen. Der nun in Gas umgewandelte Strom kann anschließend in herkömmlichen Gasspeichersystemen aufbewahrt werden. Und sobald dir der Sinn nach einer warmen Dusche steht, wird das Gas durch das vorhandene Leitungsnetz einfach zu dir nach Hause geliefert.

Underground Sun Conversion ist Erdgeschichte im Zeitraffer.

Ein weiteres Vorzeigeprojekt ist der vorarlbergerische Kartoffelspezialist „11er“. Wie du dir vorstellen kannst, fallen bei der Ernte und Verarbeitung von Kartoffeln jede Menge organische Abfälle an. Schälbrei, Sortierreste, herausgelöste Stärke und Frittieraltöle. Dieser Produktionsausschuss wird aber nicht entsorgt, sondern in der hauseigenen Biogasanlage zu Treibstoff verarbeitet, mit dem die LKWs und Traktoren angetrieben werden. Vereinfacht kann man sagen, dass sich die Kartoffeln selbst mit ihrer Energie vom Acker in die Verarbeitung fahren. Diese gasbetriebenen Fahrzeuge sind, und das war auch für mich überraschend, weitaus umweltfreundlicher und bequemer als Elektromobile. Warum? Weil das Gas aus erneuer-baren Quellen kommt, kein umweltschädlicher Batterieabfall anfällt und das Tanken nur einige Minuten dauert. Durch diesen geschlossenen Energiekreislauf spart der Betrieb jährlich 5.500 Tonnen CO2 ein. Das sind die CO2-Emissionen von 1.400 Wien- Bangkok Flügen und retour. Oder die von 2.750 Jahren Autofahrt mit einem Mittelklassewagen.Diese Beiträge alleine werden die Welt natürlich nicht retten. Aber sie sind aus vielen Gründen kreative Leuchtturmprojekte, die zeigen, dass jeder einen Beitrag zum Klimaschutz leisten kann. Ohne Wirtschaftlichkeit oder Bequemlichkeit einzubüßen. Ich finde das inspirierend. Und du?

Markus Engelberger

Markus Engelberger

Artikel zuerst erschienen in Volume Magazin Nr. 76, 28.08.2019

share it!

Share on facebook
Share on google
Share on twitter
Share on linkedin