Ein Blick ins Wahlorakel

Illustration von Markus Engelberger, die Donald Trump und die Titanic zeigt.

Das Jahr 2020 steht vor der Tür. Was mag dieses Jahr wohl bringen? Jedenfalls die US-Präsidentschaftswahl. Und diese ist unweigerlich mit der Frisur verknüpft, die seit 2016 über das politische Parkett getrumpelt ist, wie der Elefant durch den sprichwörtlichen Porzellanladen.

Eine der Fragen, die die Welt 2020 bewegen wird, ist zweifelsohne: „Werden wir IHN weitere vier Jahre ertragen müssen?“. Eine valide Prognose ist zum jetzigen Zeitpunkt schwer möglich. Vor allem, da noch nicht feststeht, inwiefern die Demokraten es gebacken bekommen, eine charismatische Alternative anzubieten. Eine, die für Themen eintritt, die eine kritische Masse von Wechselwählern anspricht.

Doch wie schätzen US-Amerikaner selbst die Situation ein? Am World Knowledge Forum 2019 waren Personen wie Steve Chen, der Gründer von YouTube, David Urban, der an Trumps Wahlsieg maßgeblich beteiligte Top Lobbyist, und Journalistenlegende Bob Woodward, der durch seine investigative Berichtserstattung über die Watergate-Affäre zum Fall von Präsident Nixon beitrug, anwesend. Ich nutzte diese Gelegenheit, um in persönlichen Gesprächen Sichtweisen auf das bevorstehende Wahlereignis einzuholen. Aus diesen Interviews ergaben sich folgende drei Hypothesen:

MEDIEN MACHEN PRÄSIDENTEN

Wer die Zukunft lesen will, muss oft nur ein wenig in der Vergangenheit blättern. Diese ergibt, dass der Kandidat, der es am besten versteht, die Möglichkeiten der aktuellen Medien zu nutzen, am Ende das Rennen gewinnt. Was für Kennedy 1961 das Fernsehen war, war für Bill Clinton in den 90ern das Internet und für Trump 2016 die sozialen Medien. Nachdem die Gesetzgeber noch nicht ausreichend Schlüsse aus dem Cambridge Analytica Skandal gezogen haben, werden Wechselwähler auch 2020 gezielt mit maßgeschneiderten, meinungsbildenden Materialien bombardiert werden.

DAMOKLESSCHWERT CHINA

Die Republikaner werden ihre drei klassischen politischen Themen besetzen: Wirtschaft fördern, Steuern senken und Militär stärken. Auf der Website des Weißen Hauses findet sich eine Auflistung aller bisherigen Erfolge der Trump-Administration. Abgesehen vom „Bau der Mauer“, die „massive Kriminalität“ bekämpfen soll, kommt hier klar heraus, für welches Thema Trump steht: die Bekämpfung von Arbeitslosigkeit durch Ankurbelung des fossilen Energiesektors. Dieses Thema bringt ihm Sympathien im Rust Belt, der ältesten und größten Industrieregion der USA, in der auch viele der Swing Voter States beheimatet sind. Wenn die Wirtschaft zum Zeitpunkt der Wahl floriert, ist ein Trump-Sieg so gut wie fix.

„Was wäre, wenn Trump nicht mehr kandidiert, weil er all seine persönlichen Ziele bereits erreicht hat?“

Doch durch Selbstüberschätzung im Handelskrieg mit China hat Wirtschaftsmagnat Donald sich selbst ein Ei gelegt. Denn Trump-Wähler mögen es gar nicht, wenn der Dow Jones Index fällt. Und das tat er dank Drohgebärden Trumps gegen China mehrmals. China hat also einen Trump(f) in der Hand. Ob sie diesen ausspielen werden, steht in den Sternen.

TRUMP WIRD NICHT KANDIDIEREN

Das ist das wohl heißeste Gerücht des ansthenden Jahres. Was wäre, wenn Trump nie des Volkes oder des Fortschritts seines Landes wegen in die Politik gegangen wäre? Was wäre, wenn er die Plattform des Präsidentschaftsamtes nur für sich und den Ausbau seines Wirtschaftsimperiums – z. B. durch Steuergeschenke an seinen elitären Freundeskreis oder Generierung von Zuschauerquoten für seinen privaten Fernsehsender – genutzt hat? Diese Vermutungen würden jedenfalls einen Großteil der bisher gezeigten Verhaltensweisen erklären. Die Frage aller Fragen lautet: Was wäre, wenn er all seine Ziele bereits erreicht hat und überhaupt keinen Bock darauf hat, sich auf weitere vier Jahre einzulassen, in denen so viele Kartenhäuser einstürzen könnten? Was wäre, wenn er stattdessen dann aufhören möchte, wenn es für ihn am Schönsten ist?

Auf ein spannendes Wahljahr mit hoffentlich mehr Inhalten als Polemik.

 

Markus Engelberger

Markus Engelberger

Artikel zuerst erschienen in Volume Magazin Nr. 78, 11.12.2019

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