Ist e-Sport der Sport der Zukunft?

Illustration von Markus Engelberger. Ein Superheld seilt sich ein Hochhaus ab und trägt eine Waffe.

In letzter Zeit hört und liest man immer mehr Stimmen, die behaupten, E-Sport wäre der Sport der Zukunft. Spätestens seit „Aqua“ im Juli 2019 überraschend den Weltmeistertitel im Duo-Bewerb von „Fortnite” gewonnen hat, ist E-Sport auch in Österreich salonfähig. Aber ist E-Sport wirklich der Sport der Zukunft?

Wir schreiben das Jahr 1972. Ein dunkler Bildschirm. Zwei weiße, bewegliche Balken an den jeweiligen äußeren Dritteln des Bildschirms. Dazwischen ein Ball bzw. ein pixeliges Vieleck, das in Tischtennismanier zwischen diesen Balken wechselt. „Pong“ ist die Urgroßmutter des E-Sports. Damals gab es noch eine relativ klare Trennlinie zwischen Sport und E-Sport. Heute spielen wir Tischtennis am Computer und die Grenzen verschwimmen.

Für den wahren Profi-Gamer ist der Feind, den er gerade mit seiner Machine Gun in blutigen Brei verwandelt, jedoch tatsächlich nichts anderes, als die Schachfigur für den Schachspieler.

Gegner von E-Sport stoßen sich unter anderem an der Blutrünstigkeit diverser „Sportdisziplinen“, die in der E-Sport Community als Klassiker gelten. Für den wahren Profi-Gamer ist der Feind, den er gerade mit seiner Machine Gun in blutigen Brei verwandelt, jedoch tatsächlich nichts anderes, als die Schachfigur für den Schachspieler. Die Eingeweide, mit denen er sich von einem Hochhausdach zum nächsten schwingt, sind nichts anderes als ein Fortbewegungsmittel. Es hätte genauso gut ein Sprungfeld, ein Jetpack oder ein mysteriöses Portal sein können. Auf dem Weg zum nächsten Hochhausdach köpft man erst einen Gegenspieler mit einer Axt, die aussieht, als hätte Celebrimbor sie höchstpersönlich in den Feuern Mordors geschmiedet. Noch bevor der Fuß den Boden berührt, setzt man einen weiteren Gegenspieler per Headshot außer Gefecht. Die heute aktuellen Games haben mehr mit römischen Gladiatorenkämpfen gemein, als mit familientauglichen Sportveranstaltungen. Die Spielefirmen reagieren darauf. Blutige Leichenteile weichen blauem Rauch.

Massive Reichweite bei Jugendlichen

200 Millionen Zuseher auf der ganzen Welt erreichte das „League of Legends“ WM Finale 2018. Zum Vergleich: 800 Millionen sahen den letzten Superbowl. Mehr als eine Milliarde das Finale der Fußball WM. E-Sport wird den bisherigen Platzhirschen den Rang wohl nicht so schnell ablaufen. Aber es ist ein Trend, den man nicht länger ignorieren kann. Auch ist es eine ideale Werbeplattform, um eine junge Zielgruppe zu erreichen. Viele Menschen in diesem Alter lesen weder Zeitung, noch hören sie Radio oder sehen fern. Die Generation bewegt sich im Internet. Ein wesentliches Detail: Die 800 Millionen Menschen, die den Superbowl verfolgen, sind durchschnittlich 40 Jahre alt. Die Jugend interessiert er weniger. E-Sport hat also aus wirtschaftlicher Perspektive ein großes Potenzial.

Ist E-Sport tatsächlich Sport?

An dieser Frage scheiden sich die Geister. Menschen messen seit jeher gerne ihre Fähigkeiten in Wettbewerben. Kompetitive Videospiele sind definitiv wettbewerbstauglich. Um zu gewinnen, benötigt man Reaktionsfähigkeit, Teamplay und eine gute Taktik. Sportverbände stehen jedoch für ein Wertesystem, das auf körperliche Ertüchtigung und eine gesunde Lebensweise abzielt. Auch wenn die richtigen E-Sportprofis Körper, Geist und Seele so trainieren wie Cristiano Ronaldo oder Marcel Hirscher – für die breite Masse der Gamer gilt wohl eher nicht, dass E-Sport eine positive Auswirkung auf ihre körperliche Fitness hat. Wird das IOC (International Olympic Committee) E-Sport trotzdem – ähnlich wie Schach– einen Ausnahmestatus als Sportart gewähren? Man wird sehen. Unbestritten bleibt, dass man mit Videospielen die Jugendlichen da abholen kann, wo sie sind. Trotz voranschreitender Digitalisierung sehe ich die Welt nicht düster. Auch zukünftig werden sich Menschen noch bewegen wollen. Ich denke zum Beispiel an Athleten, die sich in ruralen Gebieten zum Eisstock schießen treffen, sofern dazu ausreichend Alkoholisches serviert wird. Oder an die Flunkyball WM. Vielleicht wird ja A-Sport der neue E-Sport.

Markus Engelberger

Markus Engelberger

Artikel zuerst erschienen in Volume Magazin Nr. 77, 16.10.2019

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