Playing God

Illustration von Markus Engelberger. Es ist eine Schildkröte abgebildet, die ihren schmerzenden Rücken beklagt. Eine Frau empfiehlt ihr ihren Arzt.

Als Visual Catalyst bereise ich die Welt und lerne durch meinen Beruf spannende Menschen und Themen kennen. Viele davon „schlagen“ bei uns in Österreich erst Jahre später auf. Deswegen bin ich es gewohnt, auf verwunderte und ungläubige Gesichter zu treffen, wenn ich wieder mal nach Hause komme und darüber berichte, womit sich ForscherInnen und Geschäftsleute in den innovativsten Ökosystemen der Welt beschäftigen. Doch das Thema, das ich dir heute vorstellen möchte, liest sich sogar für mich wie ein Science-Fiction-Roman. Und dennoch wird daran gearbeitet. Hier. Jetzt. Heute. In dieser Minute.

Die SENS Research Foundation (Strategies for Engineered Negligible Senescence), in der der Bioinformatiker Aubrey de Grey und seine KollegInnen arbeiten, beschäftigt sich mit nichts Geringerem als der Abschaffung des Alterungsprozesses. Mit anderen Worten: Nach der Geburt kommt nicht mehr selbstverständlich die Kindheit, die Pubertät, das Erwachsenenalter und zu gegebenem Zeitpunkt der Landeanflug auf den Lebensabend. Ganz im Gegenteil.

„SOLLTE SEINE FORSCHUNGSARBEIT ERFOLGREICH SEIN, WÜRDE DAS BEDEUTEN, DASS WIR ODER UNSERE NACHFAHREN HUNDERTE ODER GAR TAUSENDE JAHRE ALT WERDEN KÖNNTEN.“

Biotechnologien, die den körperlichen Verfall nicht nur hinauszögern, sondern periodisch rückgängig machen können, sind laut Aussagen des Wissenschaftlers bereits in Reichweite. Sollte seine Forschungsarbeit erfolgreich sein, würde das bedeuten, dass wir oder unsere Nachfahren hunderte oder gar tausende Jahre alt werden könnten. „Die vorliegenden, bereits im Labor an Mäusen getesteten Ergebnisse, sind vielversprechend“, so der Unsterblichkeitspapst.

„Altern ist kein Geheimnis“, sagt de Grey. „Man muss sich den menschlichen Körper wie ein Auto vorstellen: Zum Zeitpunkt der Anschaffung ist bereits klar, dass es abgenutzt werden wird. Das Ausmaß ist über die Zeit jedoch kaum bemerkbar. Schließlich führt die Multiplikation aller Abnutzungen und Schäden aber letztendlich doch zum technischen Gebrechen.“ So wie Oldtimer über lange Zeit hinweg regelmäßig gewartet und gepflegt werden müssen, um funktionstüchtig zu bleiben, kann man laut de Grey auch den menschlichen Körper instand halten. Um der biologischen Uhr ein Schnippchen zu schlagen, muss man einfach regelmäßig in eine entsprechende „Werkstatt“ gehen. Dort werden Teile gewartet, repariert und ausgetauscht.

Dass diese These und seine Arbeit zur Verwirklichung selbiger nicht überall Anklang finden, ist de Grey bewusst. So ist das eben mit bahnbrechenden Innovationen. Man erkennt sie vor allem am Widerstand.

Ich gebe zu, auch für mich ist es schwer, mir die wahre Bedeutung dieser Entwicklungen vor Augen zu führen. Und das, obwohl ich dafür bekannt bin, ein visueller Denker mit reger Fantasie zu sein. Wenn de Grey seine Vision verwirklicht, hat das tiefgreifende Folgen für das Zusammenleben auf unserem Planeten und wirft jede Menge Fragen auf.

„WAS WÄRE, WENN DER MENSCH DEN NATÜRLICHEN KREISLAUF DES LEBENS DURCHBRECHEN KÖNNTE UND STERBLICHKEIT KEINE GEGEBENE GRÖSSE MEHR WÄRE?“

Was wäre, wenn der Mensch den natürlichen Kreislauf des Lebens durchbrechen könnte und Sterblichkeit KEINE gegebene Größe mehr wäre? Inwiefern ist es unterstützenswert, dass wir uns über natürliche, biologische Abläufe hinwegsetzen? Was wäre das Leben ohne den Tod noch wert?

Was bedeutet Unsterblichkeit für Liebe, Partnerwahl und das Konzept der monogamen Ehe? Kann man mit einem einzelnen Menschen auch glücklich sein „bis der Tod uns nicht mehr scheidet“? Wie verändert ein beliebig verlängerbares Leben den Umgang mit Machtpositionen? Oft ist es von Vorteil, wenn eingefahrene Denk- und Handlungsmuster spätestens altersbedingt Platz für neue machen müssen.

Wer wird sich diese Technologie wohl zuerst leisten können? Der Bananenbauer aus Ruanda? Die Näherin aus Pakistan? Vermutlich nicht. Zumindest zu Beginn, wenn das Ticket zur Unsterblichkeit noch teurer sein wird als der touristische Weltraumflug. Fun Fact: Celebrities in Hollywood und andere Superreiche beginnen schon jetzt, auf den ersten Werkstattbesuch zu sparen.

Sollen ausgewählte Menschen überhaupt weitaus länger leben dürfen als andere? Wenn ja, wer entscheidet darüber? Und wenn die Technologie dann für eine breitere Masse zugänglich wird, was zur Hölle tun wir dann mit all den Menschen auf einem Planeten, der zum jetzigen Zeitpunkt schon aus allen Nähten zu platzen scheint?

„WAS ZUR HÖLLE TUN WIR DANN MIT ALL DEN MENSCHEN AUF EINEM PLANETEN, DER ZUM JETZIGEN ZEITPUNKT SCHON AUS ALLEN NÄHTEN ZU PLATZEN SCHEINT?“

Welche neuen Gesetzgebungen müssten erarbeitet werden, um unser Zusammenleben unter diesen neuen Umständen zu regeln? Welche Herausforderungen kommen durch die käuflich erwerbbare Unsterblichkeit auf Gesellschaft, Politik, Wirtschaft, Medizin, Religion und auch sonst alles, was wir kennen, zu?

Von mir gibt es diesmal keine Antworten, ich hoffe aber, mit diesen Fragen eine spannende Diskussion für einen langen Winterabend angestoßen zu haben und freue mich darüber, von dir zu lesen, zu welchem Schluss du und deine Freundesrunde gekommen seid.

Markus Engelberger

Markus Engelberger

Artikel zuerst erschienen in Volume Magazin Nr. 14.12.2018

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